Die Geheimnisse der Blindschleiche

Blindschleiche
Blindschleiche Foto: Eberhard Müller

Das Geschöpf auf dem Foto sieht aus wie eine Schlange und bewegt sich auch wie eine Schlange. Und trotzdem – es ist keine. Und die Blindschleiche, um die es in dieser Geschichte geht und die es auch in der Natur in Berlin gibt,  hat noch mehr Überraschungen auf Lager.  2017 ist sie das Kriechtier des Jahres.

Die Blindschleiche  ist nicht blind

Das fängt mit ihrem Namen an: Die Blindschleiche kann nämlich ganz wunderbar gucken, blind ist sie wahrlich nicht. Den Namen verdankt sie der althochdeutschen Bezeichnung für „blendend“ oder „blinkend“ – und wer die glänzenden Schuppen der Blindschleiche betrachtet, der kann sich vorstellen, warum dieser Name gewählt wurde.

Keine Schlange, sondern eine Echse

Und um auch das mit der Schlange zu klären: Die Blindschleiche ist nicht mit Ringelnatter & Co. verwandt, sie gehört also nicht zu den Schlangen, sondern zu den Echsen. Eine Echse ohne Beine – die sind ihr im Laufe der Evolution abhanden gekommen. Wissenschaftler haben die Reste von Becken- und Schulterknochen an der Wirbelsäule der Art gefunden, von außen sehen kann man dies aber nicht. Aber auch ohne Beine bewegt sich das Reptil sehr geschickt. Die Schuppen am Bauch helfen ihm, sich an Bodenunebenheiten abzustoßen. Nur im Sand bewegt sich die Blindschleiche mühsam, weil dort der Widerstand fehlt.

Zerbrechlich, aber clever

Die dritte Besonderheit der Blindschleiche ist etwas makaber. Und deshalb eine Warnung vorab: Bitte versuchen Sie nicht, das Tier zu fangen. Er zerbricht nämlich sehr leicht in zwei Teile. Das ist ein raffinierter Trick, um Feinde zu überlisten, denn das längere Ende (die Blindschleiche hat tatsächlich „Sollbruchstellen“) schlängelt sich weg und der Fressfeind hat nur noch das kürzere Stück. Die Blindschleiche wirft den Schwanz also ab, um zu überleben. Er wächst nach, aber meist verkürzt. Diese Eigenart des Abwerfens trägt die Blindschleiche auch in ihrem Namen, und zwar im wissenschaftlichen: Anguis fragilis heißt sie – Anguis steht für die Familie der Schleichen und fragilis bedeutet, was man schon ahnt: fragil bzw. zerbrechlich.

Die Blindschleiche in der Jackentasche

Ich hatte als Kind mal eine Blindschleiche in der Hand. Mein Vater hatte sie mir scherzhaft in eine Jackentasche gesteckt. Kind und Schlange (pardon, Echse) haben das Erlebnis ohne Schaden überlebt (mit einer naturbegeisterten Tochter kann man so etwas machen), und ich weiß seitdem, wie sich eine Blindschleiche anfühlt (weder glitschig noch wirklich kalt).

Unterschiede zu Schlangen

Um die Blindschleiche von Schlangen zu unterscheiden, muss man sie genau ansehen. Sie hat verschließbare Augenlider (Schlangen nicht), züngelt mit offenem Maul (Schlangen haben eine Lücke in der Oberlippe) und bewegt sich ein bisschen langsamer als Schlangen. Wenn man eine ausgewachsene Blindschleiche lang ausgestreckt messen würde, käme man auf etwa 50 Zentimeter Länge. Ihr Körper ist bronze- bis kupferfarben und gefleckt oder gepunktet, was sie in der Natur beinahe unsichtbar macht. Bei jungen Tieren sieht man auf dem Rücken eine schwarze Linie.

Eng umschlungen zur Paarung

Apropos Jungtiere: Die Paarung der Blindschleiche ist eindrucksvoll. Die Männchen kämpfen heftig um die Weibchen, und wenn sich ein Paar gefunden hat, dann beißt das Männchen seine Partnerin in den Nacken. Die beiden umschlingen sich fest in einem Paarungsritual, das mehrere Stunden dauert. Die Jungtiere schlüpfen nach ungefähr elf Wochen aus dem Ei – zu der Zeit sind sie nur etwa sieben Zentimeter lang.

Die Lebensräume der Blindschleiche

Zuhause ist die Blindschleiche, die den Winter in geschützten Erdlöchern verbringt und Anfang April aus der Kältestarre erwacht, in ganz Europa. Sie stellt wenige Ansprüche an ihren Lebensraum. Am liebsten mag sie Heideflächen, Laubwälder mit Lichtungen und Feuchtgebiete, aber auch in Böschungen, auf Wiesen und in naturnahen Gärten kann man sie (meist in der Dämmerung) sehen. Sie ernährt sich von Nacktschnecken, Regenwürmern und unbehaarten Raupen. Ihre Zunge dient ihr bei der Jagd als Orientierung.

Die Blindschleiche: Keine Angst, sie beißt nicht!

Allerdings muss die Blindschleiche selbst auch aufpassen, denn sie steht auf dem Speiseplan von Säugetieren wie dem Igel, dem Fuchs und dem Marder. Auch Haustiere können ihr gefährlich werden. Hauptfeind aber ist der Mensch. Nicht nur weil er ihren Lebensraum zerstört oder Pestizide bzw. Schneckenkorn verteilt, die gefährlich für sie sind. Sondern auch weil er die Blindschleiche bewusst tötet – aus Ekel oder Angst. Dabei ist die Blindschleiche vollkommen harmlos, sie kann noch nicht einmal richtig zubeißen. Im Übrigen steht sie unter Naturschutz. Wer eine sieht, sollte sich freuen und sie danach in Ruhe lassen.

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One thought on “Die Geheimnisse der Blindschleiche”

  1. Ich wohne in Österreich und als ich gestern eine Blindschleiche über die Strasse tragen wollte, ist sie ,abgerissen‘ ! Ich war entsetzt, wo ich doch sehr vorsichtig war. Nun habe ich diesen interessanten Beitrag gefunden und weiss nun über die ,Sollbruchstelle‘ bei diesen Tieren. Danke für den informativen Blog!
    mit Grüssen aus dem Wienerwald

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