Die Geheimnisse der Flechte

Flechte Foto: Silke Böttcher
Flechte Foto: Silke Böttcher

In der Natur muss man manchmal sehr genau hinsehen, um Dinge wahrzunehmen. Winzige Pilze, kaum so groß wie der Nagel am kleinen Finger. Moose, die aussehen wie kleine Bäume. Und Flechten, deren Form an winzige Trompeten oder wilde Bärte erinnert. Diese Geschöpfe leben so sehr im Verborgenen, dass man Gewächse wie sie als „Kryptogame“ (Geheim-Blüher) bezeichnet. Direkt übersetzt sind es „Pflanzen, die im Verborgenen heiraten“  („kryptos“ = verborgen, „gamos“ = Hochzeit). Grund genug, mal ein paar Geheimnisse dieser Wesen, die es auch in der Berliner Natur gibt, zu lüften.

Die Flechte: Lebensgemeinschaft zwischen Pilz und Algen

Zum Beispiel dieses: Was ist eine Flechte überhaupt? Ein eigenständiger Organismus wie zum Beispiel eine Pflanze ist es nicht, sondern sie ist eine Lebensgemeinschaft zwischen einem Pilz und einer Alge. Beide profitieren sehr voneinander. Der Pilz nämlich kann selbst  keine organischen Substanzen wie Zucker oder Stärke bilden – das übernimmt die Alge für ihn. Sein Beitrag wiederum ist es, die Alge an Bäumen und anderen „Unterlagen“ zu befestigen. Er ist sozusagen der Körper der Flechte.

Überlebenskünstler in vielen Farben und Formen

25.000 Flechtenarten gibt es auf der Welt, in Mitteleuropa sind es 2000. Einige sind weiß, andere gelb, weitere zartgrün. Ihre Form ist ähnlich unterschiedlich. Blattflechten erinnern an Blätter, Strauchflechten an kleine Sträucher und Krustenflechten sehen manchmal ein bisschen wie Schorf auf Bäumen aus. Wer im Wald unterwegs ist, entdeckt die Gewächse überall, an Bäumen, auf dem Boden und sogar auf Steinen. Selbst in kargem Geröll kann die Flechte überleben, und das bei so ziemlich allen Temperaturbedingungen.

Die Flechte kann uralt werden

Nur eines braucht die Flechte unbedingt: Feuchtigkeit. Denn sie kann kein Wasser speichern. Wenn es feucht ist, nimmt sie über ihre Oberfläche wie ein Schwamm Flüssigkeit auf, aber bei Trockenheit verliert sie es schnell. Aber sie braucht die trockene Phase, um  extreme Temperaturen aushalten zu können. Es gibt Flechtenarten, die Jahrzehnte ohne Wasser überleben können und dann beim ersten Regen „auferstehen“. Kein Wunder, dass Flechten sehr alt werden können. Und mit „alt“ meine ich sehr alt: Mehrere hundert Jahre sind normal.

Nahrungsmittel für viele Tiere

Das gilt allerdings nur für die Flechten, die nicht von Tieren gefressen werden. In Gegenden mit wenig Vegetation, zum Beispiel im Norden Skandinaviens, sind sie die wichtigste Nahrung für Elche und Rentiere, und auch Insekten leben von ihnen.

Die Flechte in der Wissenschaft

Wissenschaftler schließlich betrachten Flechten auch noch von einer ganz anderen Seite – als Bioindikatoren. Die Geschöpfe reagieren nämlich sehr sensibel auf Luftverschmutzung. Und zwar noch vor den Bäumen. Experten können am Bestand oder Verschwinden bestimmter Flechtenarten erkennen, wie gut (oder schlecht) die Luft in einem Gebiet ist.

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