Die schöne Nackte im Kanal

Luisenstädtischer Kanal
Luisenstädtischer Kanal Foto: Carsten E. Böttcher

Eine der originellsten Grünanlagen, die ich kenne, liegt  zwischen Urbanhafen und Spree, in einem Gebiet, das sonst mit Parks nicht gerade verwöhnt ist. Sie ist bloß 22,5 Meter breit, dafür aber mehr als zwei Kilometer lang. Und im wahrsten Sinn des Wortes tiefergelegt. Wie das kommt? Ganz einfach: Hier floss mal Wasser. Genannt wurde er Luisenstädtischer Kanal, entworfen vom Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné. Er sollte den Landwehrkanal und die Spree verbinden.  Eine geniale Idee, aber leider gab es ein Problem. Die Bauherren hatten nämlich nicht daran gedacht,  dass es an der Stelle kaum Gefälle gibt.  Deshalb floss das Wasser nicht und wurde nach einiger Zeit zur – pardon – stinkenden Kloake. Und nun?

Luisenstädtischer Kanal: Berlins wohl schmalster Park

Er war ja nun mal da. Tiefergelegt. Schmal. Mit Ufermauern aus Klinkersteinen, einer Ufermauer mit Linden, mit Straßen an beiden Seiten, Brücken… Was tut man mit so einer Erinnerung an einen Rechenfehler? 1926 hatte man ihn zugeschüttet, damit der Gestank verschwindet, aber nun gab es eine Brache.

Gleichzeitig fehlten Grünflächen in dem Gebiet, und deshalb schob man das Problem auf den neuen Stadtgartendirektor Erwin Barth ab. Der hatte mit dem Brixplatz in Westend  und dem Savignyplatz in Charlottenburg schon viel Einfallsreichtum bewiesen. Auch am Luisenstädtischen Kanal musste er nicht lange überlegen. Er ließ vieles so, wie es war. Bloß ohne Wasser. Die Ufermauern blieben stehen, die tiefe Lage erhalten. Was Barth zum Auffüllen bis auf die Höhe der einstigen Wasserlinie brauchte, kam von den Baustellen der heutigen U-Bahnlinie 8.

Die indische Tänzerin im Park

Aber halt, ein bisschen Wasser ist doch geblieben. Das Engelbecken ist ein See mit Fontänen und mitten auf dem Weg, den Barth angelegt hat, verlaufen kleine ummauerte Wasserrinnen.  Der Rest ist Idylle mit Beeten, Sträuchern, Ziergärten und Lauben. Bleistiftschmal wie der einstige Kanal ist der Park, nur am Oranien- und dem Wassertorplatz (der übrigens an das einstige Tor in der früher dort verlaufenden Berliner Zoll- und Akzisemauer erinnert) wird er breiter.  Kurz vor dem Engelbecken steht eine Brunnenskulptur, die so ungewöhnlich ist wie der ganze Park:  eine Nackte, die auf fünf Kissen sitzt, aus denen unzählige Löwen Wasser speien (Foto). Die Dame sieht aus wie eine indische Tempeltänzerin, die mit geschlossenen Augen in Richtung St.-Michaels-Kirche meditiert.

Von der Berliner Mauer zerstört – und neu entstanden

Man kann sich heute kaum vorstellen, dass dieser Park sehr lange vollkommen brach lag. Erst wurde Trümmerschutt in den Kanal geschüttet und dann die Berliner Mauer gebaut, die mitten durchs einstige Grün verlief. 1984 wurde immerhin der zum einstigen West-Berlin gehörende Teil wiederhergestellt. Heute ist der Park wieder komplett und man kann vom Böcklerpark bis hinter die Köpenicker Straße durchs Grün wandern. Erstaunlicherweise hatte man bei den Bauarbeiten sogar Überbleibsel der früheren Vegetation gefunden. Ein bisschen Erwin Barth ist also im Luisenstädtischen Kanal noch erhalten.

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