Mahnmal im Wald: ein Denkzeichen neben der Waldbühne

"Denkzeichen" in der Murellenschlucht Foto: Carsten Böttcher
"Denkzeichen" in der Murellenschlucht Foto: Carsten Böttcher

Es ist eines der eindringlichsten Mahnmale, die ich kenne. Weil es mitten in der Berliner Natur steht. Und so beiläufig wirkt. Die Gedenkstätte mit dem sperrigen Namen „Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz am Murellenberg“ besteht aus 104 ganz gewöhnlichen Verkehrsspiegeln. Solchen,  die sonst an schlecht einsehbaren Straßenecken stehen. Mitten in den Wald gestellt bekommen sie ein ganz anderes Gesicht. Das Mahnmal erreicht das, was es soll: Es bringt die Wanderer zum Nachdenken.

Schmaler Weg zum Denkzeichen am Murellenberg

Allzu viele Spaziergänger kommen hier nicht vorbei. Dazu ist der Weg, der von der Glockenturmstraße neben der Waldbühne losgeht, zu wenig bekannt. Aber die Gedenkstätte ist mit Bedacht gewählt, denn das Gelände am Murellenberg wurde von den Nazis für Hinrichtungen genutzt. Mindestens 230 Befehls- und Wehrdienstverweigerer und Deserteure wurden hier ermordet – und das ist nur die Zahl der Opfer, deren Namen bekannt sind.  Ein paar Ruinen stehen noch und erinnern auch daran, dass der Murellenberg schon um 1840 militärische Anlage war.

Ein Hinrichtungsplatz mitten im Wald

Lange Zeit war das ganze Gelände gesperrt, und wahrscheinlich hätte man die Unrechtstaten, die dort begangen wurden, inzwischen vergessen, wenn nicht der Pfarrer Manfred Engelbrecht 1994 einen Gedenkort angeregt hätte. Die Planungen zogen sich hin, aber 2001 entschied sich der Senat für den Entwurf des „Denkzeichens“, den die Wahlberlinerin Patricia Pisani erschaffen hatte: 104 Verkehrsspiegel stehen nun seit dem 8. Mai 2002 rechts und links eines schmalen Weges, anfangs weit auseinander und nach und nach immer dichter – bis zu dem Platz, an dem die Ermordungen wahrscheinlich stattgefunden haben.

Erinnerung an Verbrechen der NS-Justiz

Die Spiegel reflektieren nicht nur die grüne Umgebung, sondern auf 16 von ihnen wurden auch noch Texte eingraviert – Worte über die Geschichte des Ortes, NS-Urteile oder Zitate von Zeitzeugen. Die Künstlerin sagte mal über ihre Denkzeichen-Installation: „Wie Verkehrsspiegel auf Gefahrenstellen im Straßenverkehr hinweisen, sollen sie auch hier eine spezifische Situation vor Augen führen, die außerhalb des Gesichtsfeldes liegt und auf diese Weise virtuell auf die verdrängten Verbrechen der NS-Justiz verweisen.“  Ein Spiegel steht gleich am Anfang des Weges an der Glockenturmstraße.

Verkehrsspiegel inmitten der Natur

Wenn man den Weg entlanggeht, wirken die Spiegel erst merkwürdig deplatziert. Man erwartet sie schließlich nicht mitten im Wald, sondern an Straßen, wo sie einer Gefahr vorbeugen sollen, indem sie Dinge außerhalb des Blickfeldes sichtbar machen. Auch die Spiegel am Murellenberg  erweitern den Blickwinkel. Sie reflektieren nicht nur den Wald, sondern auch die Vergangenheit.

Was zusätzlich an diesem Denkzeichen bewegt, ist, dass es hier an der Murellenschlucht und dem Schanzenberg so schön ist –  man mag sich das Grauen, das sich dort abgespielt hat, an einem solchen Ort nicht vorstellen. Das Gelände ist ein Naturschutzgebiet, in dem gefährdete Bienen- und Wespenarten vorkommen, es geschützte Wasserpflanzen gibt und in dem der extrem seltene Kammmolch lebt. Grauen und Schönheit liegen manchmal sehr nah beieinander.

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